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Ein Gespräch im Hause Springer über die Zukunft des Euro

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Neulich traf ich im Bus auf dem Weg zur Arbeit einen Kollegen aus der Wirtschaftsredaktion, mit dem ich gelegentlich plaudere, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie in Fachkreisen über die Zukunft der Gemeinschaftswährung gedacht wird. Der Kollege war nicht sehr glücklich über einen Kommentar in der „Welt“, in dem die Europäische Zentralbank (EZB) unter Mario Draghi wegen der Ankündigung großer Aufkäufe von Staatsanleihen der Krisenländer als „trojanisches Pferd der Südländer“ bezeichnet worden war.

Der Kollege (K): Draghi hatte doch Recht. Und auch Angela Merkel und Francois Hollande haben Recht, wenn sie sagen, sie würden „alles tun“, um den Euro zu retten. Wir machen uns gar keine Vorstellung davon, was passiert, wenn die Eurozone zerbricht. Das wird der Untergang Deutschlands als Exportnation bedeuten.

Ich: Weil wir bislang von einer im Verhältnis zu unserer nationalen Wirtschaftskraft unterbewerteten Währung profitieren? K: Richtig. Und weil wir allein zu klein sind, um in einer globalisierten Wirtschaft unseren Platz zu behaupten.

Ich: Aber Südkorea und Japan sind doch vergleichbar klein und behaupten sich doch auch.

K: Bei Südkorea ist es immer noch der Aufholeffekt. Der hält nicht lange vor. Wie Japan trotz seiner horrenden Schulden, die alles in den Schatten stellen, was Europa zu bieten hat, und trotz seiner alternden Bevölkerung das Vertrauen der Märkte erhält, ist mir auch rätselhaft.

Ich: Weil die Japaner Toyota und Sony haben, zum Beispiel?

K.: Ja. Aber wie zukunftsträchtig ist das? Glauben Sie denn, dass wir mit unserem Automobilbau, unserem Maschinenbau, unserem Mittelstand auf Dauer der Konkurrenz Chinas gewachsen sind?

Ich: Nein.

K: Das ist doch alles sehr fragil. Schauen Sie, was mit Opel passiert. Das ist ein Menetekel. Als Nation, die vom Export von Industriegütern lebt, sind wir in besonderem Maße abhängig erstens vom Erhalt der Eurozone als Absatzmarkt und zweitens vom Erhalt des Euro als internationaler Währung, die zudem unterbewertet ist und unsere Exporte außerhalb der Eurozone – also in China und den USA etwa – verbilligt. Wir würden uns bei einem Zusammenbruch der Eurozone  aus dem Markt preisen. Das beachten die Leute nicht, die gegen die EZB Front machen oder die Südländer als reformunfähig abschreiben und lieber heute als morgen zurück zur D-Mark oder vorwärts zu einem Nord-Euro wollen.

Ich: Wenn ich Sie richtig verstehe, sagen Sie: wir müssen unseren Absatzmarkt in Europa und unsere billige Währung durch das Geld des Steuerzahlers erhalten, weil wir sonst nicht konkurrenzfähig wären.

K.: Also…

Ich: Wo ist da der Unterschied zur direkten Subventionspolitik?

K. Also, wenn Sie das so formulieren, dann klingt das natürlich schlimm…

Ich: Ich frage nur. Weil Ihre Argumentation, die ich ja nachvollziehen kann, darauf hinausläuft, dass direkte Hilfen für die Eurozone letztlich auch indirekte Hilfen für die deutsche Industrie sind.

K: Das klingt schon viel weniger schlimm.

Ich: Langfristig aber ist jede Subvention Gift für die Industrie, hemmt die Innovationskraft und schwächt die Konkurrenzfähgkeit. Das schreiben wir doch ständig, und es stimmt wohl auch.

K: Ja, aber wie sagte Keynes: Auf lange Sicht sind wir alle tot.

Ich: Das ist mein Zitat. Das verwende ich sonst immer.

K: Das macht es nicht automatisch falsch. Kurzfristig haben wir es außerdem, das sehen die Leute nicht, die rein wirtschaftlich denken und Anhänger der reinen Lehre sind, mit dem Aufkommen von Neonazis wie der Goldenen Morgenröte in Griechenland zu tun. Ich halte das für eine riesige Gefahr. In Italien kommt Berlusconi wieder mit einer Rechtskoalition. Und glauben Sie ernsthaft, so etwas könne hier nicht passieren?

Ich: Nein. Mich wundert eher, dass die FDP nicht längst auf das anti-europäische Pferd setzt, um den eigenen Arsch zu retten. Aber auch da ziehe ich andere Schlüsse als Sie: Es ist doch der Euro, der diese schlimmen politischen Geister weckt. Im Süden schimpft man über das deutsche „Diktat“, hier über die „faulen Südländer“. Lösen wir die Eurozone auf, wird den Ressentiments der Nährboden entzogen.

K: Na, Sie setzen politisch auf das Prinzip Hoffnung und wirtschaftlich auf die reine Lehre. Eine gefährliche Mischung.

An diesem Punkt angelangt, trennten sich unsere Wege. Was meinen meine Leser?


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